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Amina Handke und electric indigo
Text: Ronald Düker

Amina Handke und Electric Indigo, die mit bürgerlichem Namen Susanne Kirchmayr heißt, kommen beide aus Österreich und arbeiten zumindest unter anderem als DJ. Nach einer Berufsbezeichnung gefragt, hat Amina Handke aber auch schon Bühnenbildnerin, Sozialarbeiterin, Künstlerin, Moderatorin und Schauspielerin geantwortet. Und auch "Tochter", obwohl das gar kein Beruf ist. Dass der berühmte Schriftsteller ihr Vater ist, hat es Amina Handke schwer gemacht, als eigenständige Künstlerin wahrgenommen zu werden. Mit Electric Indigo spricht sie über eine komplizierte Kindheit, ihre Zeit als Malerin, Medienkünstlerin, Sozialarbeiterin und Fernsehmacherin und darüber, wie es ist, als Mädchen Platten aufzulegen. Wie soll man es denn sonst tun, fragt Electric Indigo, "als Hase"? Dass in Aminas Ausweis Berlin als Geburtsort angegeben ist, passt zu einer Kindheit, die durch nichts so sehr geprägt ist, wie durch ständige Ortswechsel. Ihre Eltern sind zur Geburt eigens nach Berlin gefahren, denn sonst hätte im Pass Düsseldorf gestanden, wo die Handkes 1969 wohnten, und das sollte unbedingt vermieden werden. Dass es ein österreichischer Pass wird, liegt daran, dass sowohl Peter Handke als auch die Schauspielerin Libgart Schwarz aus Kärnten stammen. Nach der frühen Trennung ihrer Eltern bleibt Amina beim Vater, den sie vor allem in einer Mutterrolle und als Hausmann erlebt. Im Alter von drei Jahren zieht sie mit ihm nach Paris, wo sie einen französischen Kindergarten besucht und zweisprachig aufwächst. Obwohl Amina das Französische nicht mag, vermutet sie, dass sie ihrer frühen Zweisprachigkeit eine besondere Sensibilität für Sprache und örtliche Entwurzelung zu verdanken hat. Im Alter von vier Jahren kommt Amina zu ihrer Mutter nach Berlin, fünf Jahre später ziehen die beiden nach Salzburg um. Amina steht unter Schock, denn plötzlich muss man dauernd 'Grüß Gott', 'bitte' und 'danke' sagen. Sie vermisst die lakonischeren Umgangsformen Berlins. In Salzburg, wo es alle Zugezogenen schwer haben, bleibt Amina die ganze Gymnasialzeit über und leidet unter der ausweglosen Enge der Stadt und dem ständigen Gefühl, unter Beobachtung zu stehen. Dass sie dann nach Wien zieht, hängt im Grunde mit der guten Erinnerung zusammen, die sie von einem Ausflug mit der Schulklasse dorthin verbindet. Außerdem ist es ihr wichtig, nicht dort zu leben, wo ihre Eltern sind. Mit einer winzig kleinen Mappe bewirbt sie sich an der Universität für angewandte Kunst und wird in die Malereiklasse von Adolf Frohner aufgenommen. Während die überwiegend männlichen Kommilitonen mit dem Pinsel in der einen und der Bierflasche in der anderen Hand riesige Leinwände bemalen und im Anschluss völlig eingesaut auf Partys weiter trinken, hält Amina sich kaum in der Hochschule auf und nutzt die Studienzeit vor allem zu anderweitigen Aktivitäten. Der Geniekult in der Malerei ist ihr zuwider, sie erkennt in diesem männerdominierten Feld gebärneidbedingte Motive und absolviert, als die Höchststudiendauer überschritten zu werden droht, eine Aufnahmeprüfung im Fach Mediengestaltung. Hier legt sie dann auch eine Abschlussarbeit vor. Es handelt sich um ihr Buch "Die Sammlung Handke". Obwohl Amina eigentlich gerne malt, findet sie genügend Gründe damit aufzuhören. Ist ein Bild einmal fertig und in einer Ausstellung zu finden, war die ganze Arbeit irgendwie umsonst, denn es entwickeln sich über die Malerei keine interessanten Gespräche mit anderen Leuten. Außerdem will Amina gar nicht für die Ewigkeit produzieren, die massenhaft produzierten Bilder stehen doch nur in der Wohnung herum, und wenn einmal eins verkauft wird, dann natürlich eines der Besseren, also eines, das man ausgerechnet nicht so gerne los geworden wäre. Die Medienkunst hat in dieser Hinsicht Vorzüge. Wer im Digitalen produziert, häuft keinen Müll an - es ist ein Arbeiten im materialfreien Raum. Und wenn sich eine CD nach einer gewissen Zeit nicht mehr lesen lässt, ist das auch nicht so schlimm, vielleicht sollte man auch Bilder und Bücher auf diese Art produzieren, und nicht immer nur auf säurefreiem Papier drucken. Auf die beliebte Frage 'was machst du denn so?' hat Amina eine Standardantwort: Sie zückt eine Visitenkarte, auf der wechselnde Berufszeichnungen stehen: je nachdem gibt sie sich als Sozialarbeiterin, Bühnenbildnerin, Künstlerin, Schauspielerin, DJ oder aber einfach als 'Tochter' aus. Derzeit hat sie die Berufsbezeichnung Programmkoordinatorin in Gebrauch; schließlich besteht nicht zuletzt die Krankenkasse auf einer klar definierten Tätigkeit. Auch die anderen Berufsbezeichnungen sind aber nicht einfach erfunden. In der außerschulischen Jugendarbeit hat Amina Leute getroffen, die Kunst als sozialen Prozess verstehen; zur Bühnenbildnerei ist sie gekommen, weil es sich hier um ein der Malerei verwandtes Feld handelt, nur dass man es zudem mit anderen Leuten zu tun hat. Bühnenbildnerei kennt Amina sowieso schon, seit sie 15 ist. Damals war sie bei einem Urlaub mit ihrer Mutter, der Schauspielerin, in Kontakt mit einer Theatergruppe gekommen. Hat Amina einen Ehrgeiz? Am ehesten den, kein schlechtes Gewissen zu haben. Daher tut sie vor allem Dinge, die sie gar nicht kann; so stellt sich kein Gefühl des Scheiterns ein, sondern eher das Gefühl, schon wieder etwas dazu gelernt zu haben. Als DJ traut sie sich zwar eine gewisse Repertoireexpertise zu, gesteht aber auch, dass sie nicht besonders gut mixen kann. Das Auflegen zwingt sie dazu, sich zu exponieren und nimmt ihr die Versagensangst - Amina will nicht immer bloß als Tochter eines berühmten Vaters wahrgenommen werden. In DJ-Workshops mit jüngeren Mädchen nimmt sie ihnen die Angst vor der Technik: 'hier sind die beiden Turntables; da ist der Mixer; und wenn du an dem Kabel ziehst, ist der Ton weg' - so einfach ist das. Mädchen gehen nämlich zu Unrecht davon aus, dass sie das nicht können, während Jungs sich alles zutrauen, schließlich haben sie die Geräte ja auch schon zu Hause. Wenn's bei denen dann mal nicht funktioniert, ist immer die Technik schuld. Amina selbst nimmt auch schon mal eine Liste mit Titeln mit zum Auflegen, außerdem benutzt sie Minidisc. Beides ist überhaupt nicht cool. Aufs Mischen verzichtet sie, weil man das üben muss wie ein Musikinstrument. Obwohl der "Falter" einmal geschrieben hat, sie wäre der ideale Hochzeits-DJ, möchte sie eigentlich nicht mehr auf Hochzeiten auflegen. Zu dientstleistungs-
mäßig.
Obwohl sie es natürlich kann: Balkan-Kapellen - die beste Hochzeitsmusik. Da wünscht sie sich manchmal selbst als DJ, so käme man auch mal zum Tanzen. All das hat etwas mit 'zum Affen machen' zu tun. Wenn man lange Zeit ein Außenseiter gewesen ist, hat man auch gelernt, etwas daraus zu machen. Ein guter Teil des Dilemmas hat mit dem berühmten Vater zu tun; wie angenehm, dass den in der Jugendarbeit niemand kennt. Die Jugendlichen begegnen ihr deshalb nicht von vornherein mit einem Vorurteil. Dass Amina keine besondere Lust, eine richtige Frau zu werden, hat ebenfalls mit ihrem Vater zu tun: Der pflegte ein sehr negatives Frauenbild und gab das auch weiter. Hinsichtlich von Gechlechterrollen war vor allem die Jugendarbeit aufschlussreich: Gerade in Österreich orientieren sich Jugendliche oft an den konservativen Traditionen ihrer Eltern, und wer sich gegen diese Werte und gegen Sätze wie 'Frauen gehören an den Herd' stellt, begibt sich schnell ins Aus. Die 18- bis 20-Jährigen leben daher oft in einem schizophrenen Zustand. Amina interessiert sich für Identitätszuweisungen: daher sammelt sie falsche Schreibweisen ihres Namens und Berufsbezeichnungen. Sie musste oft umziehen und reist deshalb nicht gerne - höchstens um mal irgendwo hinzukommen, wo nicht deutsch gesprochen wird. Am unwohlsten fühlt sie sich in Kärnten, obwohl - oder weil - beide Eltern daher kommen. Pläne für die Zukunft? Ein erkennbarer Zusammenhang, sagt Amina, entsteht nur durch die Dinge, die man mal getan hat.