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Lindsey Bremner und Jeff Halper
Text: Ronald Düker

Lindsey Bremner und Jeff Halper leben in zwei Ländern, die viele tausend Kilometer voneinander entfernt und kulturell völlig unterschiedlich geprägt sind. Trotzdem können sich die beiden auf eine gemeinsame Erfahrung verständigen: In Israel und Südafrika herrscht oder herrschte ein gesellschaftlicher Unterdrückungsmechanismus vor, den sie auf den Begriff Apartheid bringen. Dabei findet Halper sogar, dass Apartheid ein noch zu schwaches Wort ist, um die Gräben zu beschreiben, die Israel durchziehen. Im Gespräch gehen Halper und Bremner der Frage nach, wie soziale Unterdrückung in ihren Ländern in Architektur übersetzt wurde.

Lindsey Bremner unterrichtet heute Architektur an der Universität von Johannesburg, hat aber zuvor auch außerhalb des akademischen Raums gearbeitet. Ihre politische Karriere begann zu Beginn der neunziger Jahre, kurz nachdem der ANC legalisiert worden war, und Bremner als Mitglied der kommunistischen Partei fünf Jahre lang an der Aushandlung demokratischer Strukturen beteiligt war, die die Apartheid in Südafrika ablösen sollten. Bremner ist Afrikanerin in dritter Generation. Ihre Großeltern waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Großbritannien ausgewandert, der Großvater arbeitete als Bergmann in Sambia, die Großmutter entstammte einer schottischen Bauernfamilie. Lindsey wurde in Sambia geboren und wuchs in Sambia und später Südafrika auf. Bevor sie einen intellektuellen Standpunkt einnehmen konnte, war ihr das Leben in einem kolonialistischen Land daher von Kindesbeinen an vertraut. Sie hat ihr ganzes Leben in Südafrika verbracht und war eng in den politischen Prozess des Übergangs von der Apartheid zur Post-Apartheid involviert.

Jeff Halper stammt aus einer jüdischen Familie und wurde in den Vereinigten Staaten geboren. Nach Israel kam er vor dreißig Jahren für eine Feldforschung im Zuge seiner Doktorarbeit als Anthropologe. In Jerusalem untersuchte er die Planung ärmerer Stadtviertel. Zehn Jahre lang arbeitete er für die dortige Stadtverwaltung in Planungs- und Erziehungsprojekten, unterrichtete an israelischen Universitäten aber auch im Ausland. Seine Lehrtätigkeit brachte ihn nach Kenia, Costa Rica, China und Indien, so dass er die Vorgänge in Israel über längere Zeiträume nur aus der Entfernung miterlebte. Mit fünfzig Jahren stellte sich Halper die Frage, was mit all den gesammelten Erfahrungen nun anzufangen sei. Und fand heraus, dass er künftig Teil einer politischen Bewegung sein wollte. Anthropologie, insbesondere in den sechziger Jahren, ist schließlich per se eine politische Wissenschaft, da der Anthropologe keine Distanz zu seinem Forschungsgegenstand hält, sondern Teil des sozialen Feldes ist, in dem er arbeitet. So ließ er sich wieder dauerhaft in Israel nieder und gründete gemeinsam mit Anderen das "Israeli Committee Against House Demolitions", eine Organisation, die bis heute die Arbeit verschiedener Friedens- und Menschenrechtsgruppierungen koordiniert. Das Komitee entstand in einem restriktiven politischen Klima: 1996 war Benjamin Netanjahu zum israelischen Ministerpräsidenten gewählt worden, der Friedensprozess stagnierte und die Siedler wurden so stark wie lange nicht zuvor. Halper und seine Mitarbeiter fragten sich zu diesem Zeitpunkt, wie eine Zusammenarbeit mit den Palästinensern aussehen könnte und worin vor allem ihre Probleme bestanden. Es stellte sich heraus, dass die von den Israelis zerstörten Häuser das dringlichste Anliegen waren. Die 10.000 Häuser, die seit 1967 dem Erdboden gleichgemacht worden waren, ließen sich als Essenz des israelisch-palästinensischen Konflikts begreifen. Jemandes Haus zu zerstören, sagt Halper, bedeutet, ihm überhaupt einen Ort streitig zu machen. Die Zusammenarbeit mit den Palästinensern fand in den besetzten Gebieten und Ost-Jerusalem statt. Auf einmal fand sich Halper direkt im Visier von Bulldozern wieder, die im Begriff waren, Häuser abzureißen. Im Zuge solcher Aktionen, die den Widerstand ganz physisch artikulierten, war er als jüdischer Israeli in einer privilegierten Position, denn Palästinenser, die dasselbe getan hätten wären kurzerhand erschossen worden. Der zweite Schritt seiner Organisation ist es, palästinensische Häuser, die aus politischen Gründen abgerissen wurden, wieder aufzubauen. Eine weltweite Kampagne dokumentiert diese Vorgänge mit Fotos und Informationsmaterial und beschafft über ein globales Netzwerk Geld, von dem sich die Arbeit der Organisation finanziert. Durch diese Arbeit solidarisieren sich Halper und seine Mitstreiter sich nicht nur mit dem palästinensischen Widerstand gegen die Besatzung, sie rücken diese auch ins Bewusstsein vieler Israelis, für die das Geschehen in den besetzen Gebieten eine eher abstrakte Realität geworden ist. Im Gegensatz zu diesen, sagt Halper, waren wir da, wir haben es mit eigenen Augen gesehen, können es mit Bildern beweisen und so die öffentliche Meinung in Israel beeinflussen. Es ist dies auch eine Form analytischer Arbeit. Und geht sie an die Wurzeln des anthropologischen Interesses zurück - und befriedigt Halper heute weitaus mehr als die rein akademische Forschung.

Was aber, fragt Lindsey Bremner, sind die Gründe für die Macht dieser physischen Zerstörung? Woher legitimiert sich die gewaltsame Aneignung von Raum durch die Israelis? Um das zu verstehen, sagt Halper, muss man verstehen, dass die israelische Gesellschaft eine Ethnokratie ist. Was ist eine Ethnokratie? Sie setzt voraus, dass das ganze Land wie selbstverständlich nur einer ethnischen Gruppe gehört - den Juden. Vom Mittelmeer bis zum Jordan beanspruchen sie ein exklusives Besitzrecht und fühlen sich dabei als zurückgekehrte Ureinwohner. Widerstand bietet dabei eine andere Ethnie, die von jüdischen Israelis seltener als die Palästinenser bezeichnet wird, als ganz undifferenziert als Araber. Das spricht ihnen das Recht ab, sich als eigenes Volk fühlen zu dürfen, sie erscheinen einfach als unscharf gefasster Bestandteil einer anderen, viel größeren Masse. Dieses Denken, sagt Halper, macht den Zionismus der Apartheid verwandt. Er ist, was die Behandlung der Menschenrechte angeht, eine rassistische Ideologie. Auch wenn man die Wurzeln des Zionismus kennt, seine Entstehungsbedingungen im 19. Jahrhundert und die Verfolgung, der die Juden ausgesetzt waren, bleibt der Zionismus eine rassistische Ideologie - freilich, ohne dass er sich selbst als eine solche begreifen würde. 'Jüdisch machen', das ist also die Ideologie, die diesen Rassismus legitimatorisch kaschieren soll. Wir waren in diesem Land vor tausenden von Jahren, es gehört uns, also müssen wir es jüdisch machen. Wir müssen die Landschaft jüdische machen, Jerusalem und den Golan jüdisch machen. Und das bedeutet, dass die Leute, die dort leben, vertrieben werden müssen. Vertreibung ist der Kern des ganzen Konflikts. Jüdisch machen - das bedeutet, palästinensische Dörfer zu zerstören, um dort riesige Nationalparks zu errichten. Zerstörung und Abriss sind die Techniken dieser Besitzergreifung. Und diese begann nicht erst 1967, sondern schon 1948, als 75 Prozent der Palästinsenser gezwungen wurden, ihre Wohnorte zu verlassen. Von seinem Beginn an fußt der Staat Israel auf der Zerstörung von Häusern.

Diese Politik, sagt Lindsay Bremner, hat es auch in Südafrika zur Zeit der Apartheid gegeben. 'Whitening', weiß machen, war der Schlüsselbegriff, wenn es von den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts darum ging, Schwarze von ihrem Land zu vertreiben, man sprach zu dieser Zeit auch von 'erzwungener Entfernung'. Das freigewordene Land wurde weißen afrikanischen Farmern zur Verfügung gestellt. In den sechziger Jahren wurde dieser Vorgang systematisch durch eine entsprechende Gesetzgebung gestützt. Das begann mit einem Verbot interethnischer Eheschließungen, und setzte sich im 'Group Areas Act' fort, der anordnete, dass verschiedene ethnische Gruppen auch räumlich getrennt von einander zu leben hatten. Der einzige Ort, an dem sich Mitglieder verschiedener Ethnien begegnen durften, war der Arbeitsplatz, aber schon die Wege dorthin waren so angelegt, dass es nicht zu Überschneidungen kam. Die Postapartheid hat nun einen sehr langwierigen und bürokratischen Prozess mit sich gebracht, in dem das Land seinen ursprünglichen Besitzern zurückgegeben wird. Eine solche Entwicklung war noch vor zwanzig Jahren undenkbar. Bremner sieht zugleich grundlegende Unterschiede der südafrikanischen Apartheid zum israelisch-palästinensischen Konflikt. Zum einen bildeten die weißen Kolonialisten in Südafrika keine annähernd so homogene Gruppe wie die jüdischen Israelis. Zum anderen stand die Apartheid von ihren Anfängen her letztlich im Zeichen der Zähmung einer als wild betrachteten Urbevölkerung. Das produzierte ein Herr-und-Knecht-Verhältnis, in dem die Schwarzen häufig im Haushalt ihrer weißen Herren arbeiteten, und zum Beispiel durch die Betreuung der Kinder selbst ein sehr enges Verhältnis zur Familie kamen. Die Intimität dieser Beziehungen waren auch eine maßgebliche Rolle der Apartheid, und dies hat auch zu den Schwierigkeiten beigetragen, durch die die Überwindung der Apartheid geprägt war.

Solche Verhältnisse, bestätigt Jeff Halper, gibt es in Israel nicht. Zwar sind die Palästinenser im Rahmen minder gut bezahlter Arbeitsverhältnisse in ständigem Kontakt zu den Israelis. Wenn also ein Klempner gebraucht wird, ruft ein jüdischer Israeli ganz selbstverständlich einen palästinensischen Handwerker an. Manche palästinensischen Arbeiter stehen so über zwanzig oder dreißig Jahren in den Diensten derselben jüdischen Arbeitgeber, die sie mit dem Begriff 'Landlords' bezeichnen. Aber auch dort, wo Palästinenser verantwortungsvolle Arbeiten, wie etwa Telefondienste, übernehmen, greift der Kontakt niemals über. Es kommt zu keinem Kontakt zwischen den Familien, man würde niemals miteinander Essen gehen. Wenn das Haus eines Palästinensers abgerissen wird, kann man davon ausgehen, dass Chef gar nichts davon weiß, oder dass ihn kein bisschen bekümmert. Geschweige denn, dass er ihm in einer solchen Situation zur Seite stehen würde. Bei all den Kontakten, die hier gepflegt werden, kommt es also niemals zu dieser, wenn auch asymmetrischen Intimität, die Bremner angesichts der südafrikanischen Apartheid beschreibt. Das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern, sagt Halper, ist ein Verhältnis von Rivalen. Ein solches Verhältnis kann nur durch die strikte Aufrechterhaltung von Ausschließungen und Grenzen funktionieren. Daher gibt es im Moment auch kein realistisches Konzept für eine binationale, demokratische oder gemischt integrierte Form des friedlichen Zusammenlebens. Oft schrecken Israelis davor zurück, den Begriff Apartheid in Bezug auf ihr eigenes Land in den Mund zu nehmen. Er erscheint ihnen als zu harsch. Die deprimierende Wahrheit, sagt Halper, ist aber eher die, dass Apartheid ein noch zu schwaches Wort ist, um die brutalen Gräben zu beschreiben, die sein Land durchziehen.

In Südafrika sind im Anschluss an die Apartheid viele Mauern eingerissen worden. Das hatte aber, befindet Lindsey Bremner, zur Folge, dass neue Mauern gebaut worden sind. Diese konfigurierten die großen Städte als Räume von Enklaven, abgegrenzten Zonen und gated communities. Man hat es hier mit einer Form sozialer Entmischung zu tun, die mit der Post-Apartheid eigentlich beendet werden sollte. Um diese Entwicklung zu begreifen, muss man einen Schritt weiter zurück gehen, zum Ende der achtziger Jahren. Da stand buchstäblich das ganze Land in Flammen, es herrschte der erklärte Ausnahmezustand - wenn auch die weißen Wohngegenden davon verschont geblieben sind. Zu dieser Zeit begannen die Städte 'grau' zu werden. Um der Gewalt in den schwarzen Townships zu entgehen, flohen viele Schwarze in diesen Jahren in die Innenstädte, die gewöhnlich den Weißen vorbehalten waren. In Johannesburg waren es etwa die berühmten Hillbrown-Flatlands, ein ehemals weißes Apartment-Viertel, das auf diese Art und Weise 'grau' zu werden begann. Zwischen 1990 und 1994 fand dadurch eine in Südafrika noch nicht erlebte Form des Zusammenlebens statt, was ein ungemein vitales Klima produzierte. Zum ersten Mal saßen Schwarze und Weiße in denselben Bars und Restaurants zusammen, Leute vermieteten ihre Wohnungen unter und so weiter. Das war eine außergewöhnliche Zeit. Leider begann die weiße Bevölkerung dann aber schreckhaft zu werden. Viele Weiße konnten auf Dauer nicht damit umgehen, was um sie herum auf der Straße passierte. So gab es in diesen Gegenden eine Kapitalflucht. Entweder die weißen 'Landlords' kauften ihre eigenen Apartmentblocks oder sie zogen aus diesen Vierteln weg. Die Konsequenz war eine allmähliche Verarmung der Innenstädte. Die Lebensqualität in den überfüllten Wohnblocks sank, und die Behörden taten nichts dagegen. Heute haben wir es in den Innenstädten daher mit Suburbs zu tun, die aufgrund ihrer gravierenden sozialen Probleme eine No-Go-Area für die meisten Leute geworden sind. In diesen Vierteln herrschen heute Gangs und Drogendealer, die Rate an HIV-Infektionen ist hier besonders hoch. Auf jeden Fall ist hier eine historische Chance vertan worden: Diese Gegenden hätten zu Laboratorien für eine neue Form des urbanen Zusammenlebens werden können.

Wo aber, fragt Jeff Halper, liegt der Grund für dieses Versagen - bei den politischen Machthabern, den Intellektuellen oder den urbanistischen Planungsstäben? Gerade in ihrer Stadt, in Johannesburg, entgegnet Bremner, ist zu beobachten, dass die Probleme des Übergangs mit seiner überwältigenden Geschwindigkeit zusammenhängen. Die Zusammenführung von ehemals elf lokalen Autoritäten in eine zentrale Rechtsprechung und die Organisation des komplexen urbanen Zusammenhangs hat dazu geführt, dass die Verwaltungen sich beinahe ausschließlich mit sich selbst, nicht aber mit der Planung und Regulierung des Zusammenlebens befasst haben. Versuche, die Stadtplanung auch mit den Mitteln der Architektur voranzubringen, blieben daher Nichtregierungsorganisationen vorbehalten. Eine Organisation namens "plan act" befasste sich mit der Problematik zerstörter Häuser und den Leuten, die von Wohnungsräumungen betroffen waren. Besonders problematisch empfindet Bremner aber eine Tendenz, die im Stadium der Post-Apartheid wieder dazu führte, fest gefügte Gruppenidentitäten in der Stadtarchitektur zu verankern. Der Schlüsselbegriff dazu lautet 'urban design'. Überall dort, wo Gegenden besonders stark herunterzukommen drohten, kamen irgendwann die Urban-Designer. Sie setzten in diesen Vierteln Rekonstruktions-, Gentrifizierungs- und Ästhetisierungsprozesse in Gang, die einen sehr negativen Effekt auf eine große soziale Gruppe hatte. In der Post-Apartheid ist zu beobachten, dass die Hautfarbe nicht mehr den sozialen und ökonomischen Status bestimmt. Nun gibt es neue Mechanismen, die Gruppenzugehörigkeiten definieren und dafür sorgen, dass die Menschen sich auch an den richtigen Orten aufhalten.

Wie lässt sich diese Situation mit der Situation in Israel vergleichen? Wir haben es dort, sagt Jeff Halper, mit genau dem entgegen gesetzten Effekt zu tun. Im Post-Apartheids-Südafrika ist ein Defizit an Planungen zu beklagen, niemand hat wirklich das Problem in Angriff genommen, eine Architektur des Sozialen zu entwerfen und umzusetzen. In Israel hingegen kann nicht von einem Versagen der Planungsstäbe, Architekten und Ingenieure gesprochen werden. Ganz im Gegenteil. Hier ist der größtmögliche Erfolg der Planungsstäbe zu verzeichnen. Die ganze Infrastruktur des Landes, die Industrie, das Straßen- und Autobahnnetz, die Wasser- und Stromversorgung, die Sicherheitssysteme - sie alle sind mit hoher Effizienz darauf abgestellt, den Status Quo der Segregation zu garantieren und auch künftig aufrecht zu erhalten. Architekten und Planer bestimmen ganz konkret die Lebensbedingungen, denen die Bewohner des Landes 24 Stunden am Tag ausgesetzt sind. Dabei spielt es keine Rolle, ob eine Siedlung in Ramallah geplant wird oder ein Wohnviertel in Tel Aviv. Der Status des Landes wird immer als derselbe eingestuft - immer geht man von der Voraussetzung aus, dass es sich unterschiedslos um dasselbe Staatsgebiet handelt. In dieser Hinsicht sind die Planungsstäbe beinahe noch mächtiger als die israelische Armee. Sie schaffen die Vorraussetzungen der Lebensumstände, denen die Bewohner des Landes 24 Stunden am Tag ausgesetzt sind. Sie schaffen Tatsachen, die das komplette Leben in einer festen und nachhaltigen Struktur konfigurieren.

Alleine die kartografische Betrachtung der Stadt Jerusalem zeigt, wie systematische die Palästinenser über Jahrzehnte aus dem Stadtgebiet verdrängt worden sind, beziehungsweise wie gezielt ihr prozentualer Anteil an der Stadtbevölkerung reguliert worden ist. Ausgehend vom traditionell jüdischen West-Jerusalem lässt sich eine fortschreitende Vereinnahmung bis weit in die Westbank hinein nachvollziehen, zu der die Eingemeindung von Dörfern gehörte, die historisch nichts mit Jerusalem zu tun hatten. Im Jahr 1967 war eine Zusammensetzung der Bevölkerung erreicht, die zu 72 Prozent aus jüdischen und zu 28 Prozent aus palästinensischen Bürgern bestand. Bis heute besteht die offizielle Politik darin, diese Verteilung konstant zu erhalten. Für die Palästinenser ist dies mit massiven Restriktionen verbunden. Wenn beispielsweise ein Palästinenser einen Partner heiratet, der nicht aus Jerusalem kommt, verliert er selbst seine Stadtbürgerschaft. Diese kann auch entzogen werden, wenn ein Palästinenser die Stadt etwa zu Studienzwecken verlässt. Die Zerstörung palästinensischer Häuser sorgt für eine gezielt gesteuerte Verknappung des Wohnraums. Auch dort, wo Palästinenser Land besitzen, werden ihnen keine Baugenehmigungen erteilt und ein großer Teil ihres Grund und Bodens wurde als Grünzone deklariert - auch dies eine Methode, palästinensische Bauvorhaben auf Eis zu legen.

Der direkte Zugriff auf Landflächen ist aber nicht der einzige Aspekt der restriktiven israelischen Raumpolitik. Die Jerusalemer Umgebung, das so genannte 'Metropolitan Jerusalem', zu dem auch Ramallah und Bethlehem gehören, wird durch eine massive wirtschaftliche Abhängigkeit ebenfalls an die Stadt gebunden. Eine spezielle Straßenbaupolitik, nämlich eine starke Ost-West-Verkehrsachse, hat dafür gesorgt, dass Tel Aviv, für die Belange des Waren- und Gütertransports und des Tourismus, besser an Jordanien angebunden ist, als das viel näher gelegene Ramallah. Wer von Ramallah nach Jordanien kommen will, muss all diese kleinen Nebenstrecken benutzen, und das ist sehr mühsam. Alleine der Ost-West-Highway sorgt dafür, dass Ramallah und Bethlehem abhängige Satellitenstädte von Jerusalem sind, und diese, insbesondere wirtschaftliche Abhängigkeit, auch im Fall der Gründung eines palästinensischen Staates kaum verlieren würden. Die Stadt- und Verkehrsplanung im Raum Jerusalem ist also ein gutes Beispiel dafür, wie ein Planungsstab politische Fakten schafft, und die Möglichkeit eines lebensfähigen palästinensischen Staates auf unabsehbare Zeit unterminiert.

Wenn es in Israel die Verkehrsplanung und Bauverordnungen sind, die das Land in Zonen separieren und Juden und Palästinenser voneinander trennen, gibt es dafür im gegenwärtigen Südafrika andere Strategien. Die Post-Apartheid hat zum Beispiel am Stadtrand von Johannesburg zahlreiche gated communities hervorgebracht - durchgeplante geschlossene Siedlungen, die häufig einen Golfplatz umfassen. Die Golfplätze sind dabei nicht nur ein Statussymbol - ihre ausgedehnten Grünzonen bilden auch einen effektiven Puffer zu den benachbarten, ethnisch anders besiedelten Wohnvierteln. So weist die formale Verfassung der Stadt in der Post-Apartheid sehr große Ähnlichkeit zur Stadtstruktur in Zeiten der Apartheid auf. Nur die Legitimation ist eine andere geworden: Man sagt: Ich habe gar nichts gegen dich, es liegt nur nun einmal dieser Golfplatz zwischen uns. Das sind aber Effekte einer privaten und nichtoffiziellen Stadtplanung. Man muss sich vor Augen führen, dass die Johannesburger Behörde gerade einmal sechs Stadtplaner beschäftigt - und das für ein städtisches Konglomerat mit vier Millionen Einwohnern.

Wie kann der Konflikt gelöst werden? Vor einigen Jahren, erinnert sich Jeff Halper, war Bischof Desmond Tutu in Israel, und er hat von einem christlichen Prinzip gesprochen, das in Südafrika eine kaum für möglich gehaltene Verständigung zwischen Schwarz und Weiß ermöglicht habe: Das Prinzip Versöhnung. Damals ist ein Moslem im Auditorium und hat klar gemacht, warum das für Israel nicht in Frage kommt. Der Islam, sagte er, kennt keine Versöhnung. Stattdessen kennt er ein anderes Prinzip, man nennt es Zucha. Wenn es einen schweren Konflikt gibt, wenn Blut geflossen ist und wenn keine Lösung in Sicht ist, dann ist Zucha eine Möglichkeit diesen Konflikt zu beenden. Die verfeindeten Familien gehen dann zum Iman, der sagt: Genug! Das ist das Ende. Zucha klärt nicht den Konflikt, er bringt kein Verständnis, niemand verzeiht dem anderen. Er ist einfach eine Setzung, ein radikal gesetzter Schlusspunkt hinter einem Streit. Versöhnung ist im Islam unbekannt. Daraufhin steht im Publikum auch ein Rabbi auf und sagt: Auch der Judaismus kennt das Prinzip der Versöhnung nicht. Er sieht in ihm sogar eine moralische Schwäche des Christentums - eigentlich können wir nur darüber lachen. Wir kennen auch nicht das Prinzip Zucha, aber dafür kennen wir ein viel härteres Prinzip: Gerechtigkeit. Also die Entscheidung darüber, dass einer Recht hat und der andere nicht, dass der eine am Ende siegt und der andere verliert. Es ist diese Haltung, sagt Jeff Halper, die ihn zu einem wenig optimistischen Fazit kommen lässt. Israelische Juden haben nicht die Flexibilität sich auf ihr Gegenüber einzustellen, die Dinge von einer anderen Seite zu sehen und ein Verständnis für die Belange der Palästinenser zu entwickeln. Sie kämpfen bis sie gewonnen oder verloren haben. Es geht nach dem Prinzip The Winner takes it all.

Was die Rolle der Architektur angeht, sagt Lindsey Bremner zum Abschluss, ist es interessant, dass es in Südafrika nicht nur einen umfassenden Aussöhnungsprozess gegeben hat, sondern auch die Planungsstäbe selbst Verantwortung für ihre Rolle während der Apartheid übernommen haben. Die südafrikanische Planungsbehörde hat explizit Verantwortung für ihre Rolle innerhalb des rassistischen Unterdrückungssystems übernommen und um Verzeihung dafür gebeten. Daran, sagt Lindsey Bremner, sollte sich auch die Verantwortung bemessen, die Architekten und Planern für das Funktionieren der südafrikanischen Städte zukommen wird. Zur Zeit scheint von dieser Einsicht nichts übrig geblieben zu sein. Die Träume sind nicht diejenigen von 1980. Stattdessen träumt man nun davon, Weltklasse zu werden, man träumt davon, Johannesburg zu einer Weltklassestadt zum machen. In Südafrika ist eine gesellschaftliche Imagination verloren gegangen und keine neue Imagination ist an ihre Stelle getreten.