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Extrakt: Raumkontrolle 1
Texte: Ronald Düker

Zvi Efrat - Eran Schaerf
Model State

Der Dialog zwischen dem israelischen Architekten Zvi Efrat und dem in Israel geborenen und jetzt in Deutschland lebenden Künstler Eran Schaerf verhandelt die Relation zwischen Modell und Wirklichkeit. Zvi Efrat beginnt das Gespräch mit einer Geschichte von seiner kleinen Tochter, die nicht in der Lage sei, die Grenzen des Staates Israel zu zeichnen, eine paradigmatische Situation, wie er behauptet. Nach einhundert Jahren Zionismus und 55 Jahre nach der Gründung des Staates Israel seien Israelis noch immer nicht in der Lage, die geographischen und politischen Umrisse des Staates zu definieren - Zvi Efrat nennt dieses Phänomen in Anspielung auf den psychologischen Terminus "Borderlinedisorder".
Efrat erzählt, wie seine Tochter umgekehrt in der Lage ist, eine genaue Karte bestehend aus Sicherheitszonen und Gefahrenbereichen des städtischen Raumes zu zeichnen - eine sich ständig verändernde, militärisch-zivile Kartographie, die wiederum symptomatisch für das heutige Israel und seine räumlich - psychologische Konfiguration sei. Er erklärt weiterhin, wie diese Unbestimmtheit und Störung des Prinzips der Grenze ihre Wurzeln in der Geschichte des Zionismus hat - als einer utopischen Erzählung, die ihre physische Realität auf Text, nicht auf Form aufbaue. Efrat und Schaerf dikutieren darauf hin die Beziehung von ‚Text' und ‚Ort', ausgehend von der Beschreibung des "Judenstaates" durch Theodor Herzl und später im Verhältnis zum Projekt der Besiedlung Palästinas. Darauf aufbauend besprechen sie die Aufbauphase des Staates Israel nach seiner Gründung 1948: Nur wenige Monate nach der Gründung Israels wurde ein genereller Masterplan für den neuen Staat präsentiert, der u.a. den Aufbau einer kompletten Infrastruktur, den Bau 30 neuer Städte und mehr als 400 landwirtschaftlicher Siedlungen innerhalb eines Zeitraums von 15 Jahren vorsah. Der Zeitraum von der Staatsgründung bis 1974 war aus architektonischer Sicht ein Laboratorium der Extreme - in der Vermischung strategisch territorialer Zielsetzungen und einer innovativen Architektur der Moderne. Efrat unterstreicht, dass das Problem mit diesem Masterplan aus heutiger Sicht dessen Umgang mit den Gegebenheiten vor Ort war - er imaginierte das Land als eine "tabula rasa", als eine Leere, die gefüllt werden muss und eine Form, die es zu reorganisieren gilt. An diesem Punkt vereinten sich zionistische und modernistische Ideologien. Die Diskussion wird beendet mit einer Debatte um die Rolle und Funktion der Architekten und Architektur heute - als quasi-militärischen territorialen Waffe innerhalb der gegenwärtigen "borderlinedisorder".


Sharon Rotbard/Roemer van Toorn
Urban Mythologien

Der israelische Architekt und der Verleger Sharon Rotbard in einer Diskussion mit Roemer van Toorn, Leiter der Programmabteilung des bekannten Berlage Instituts in Rotterdam. Am Anfang der Diskussion geben Rotbard und van Toorn einen Überblick über die aktuelle architektonischen Praxis und den Stand des Diskurses in Israel und in den Niederlanden. Van Toorn beschreibt die Neuentwicklungen in der holländischen Architektur anhand der Begriffe einer "zweiten" oder "reflexiven" Moderne - deren pragmatische Ideologie er als neuen Konservatismus kritisiert, den er "Fresh Conservatism" nennt. Er bezieht sich außerdem auf die von den führenden holländischen Architekten proklamierte Radikalität, die im Grunde genommen eine Fixierung auf Konsumkultur darstelle und wenig oder keine Verbindungen zu den sozialen Lebensbedingungen und -Bewegungen habe. Rotbard beschreibt anhand des Beispiels von Tel Aviv den Aufbau und die Ideologie einer architektonischen Erzählung, einer Gegen-Mythologie zum "innovativen" holländischen Design und seiner Architektur. Rotbard beschreibt die Geschichte von Tel Aviv als einer "Weißen Stadt", der vorherrschenden Mythologie seit einigen Jahrzehnten. Diese städtische Selbstbeschreibung stellt Tel Aviv als Stadt dar, die architektonisch von den Architekten des Bauhaus geprägt wurde, als ein Musterbeispiel der Moderne, die sich als eine Art "Paris des Mittelmeeres" begreift. Rotbard beschreibt, wie diese Mythologie konstruiert wurde und welche politische Agenda hinter deren Etablierung steckt - tatsächlich, behauptet Rotbard, habe die städtische Realität Tel Avivs kaum oder wenig mit dem Bauhaus und seiner Ideologie zu tun, folgerichtig nennt er diese mittlerweile unsichtbar gewordene, von der "White City" verdeckten Realität, die "Black City". Diese Bezeichnung steht auch für das Verhältnis Tel Aviv's zu seinen nicht-europäischen jüdischen Immigranten aus den arabischen Ländern sowie zu den Wurzeln der Stadt in einem ehemaligen kulturellen Zentrums Palästinas, der arabischen Stadt Jaffa. Diese Einleitung bildet den Ausgangspunkt für eine weiter gefasste Diskussion des Verhältnisses von Architektur und Ideologie. Anhand des Beispieles Rem Koolhaas verhandeln beide das kritische Potential von Architektur und des architektonischen Diskurses. Rotbard behauptet, dass Koolhaas Arbeiten und seine konzeptuellen Entwürfe immer schon affirmativ agiert hätten, während van Toorn darauf besteht, dass zumindest in den frühen Arbeiten eindeutig das kritische Potential überwiege. Rotbard beschreibt die Bedeutung von Koolhaas Methode und seiner politischen Bedeutung für den architektonischen Diskurs in Israel, und wie sich daraus eine "innovatives" architektonisches Management eines territorialen Krieges ableiten und rechtfertigen lässt - eine Praxis, die auf den Ruinen einer zerstörten Kultur aufbaut und Probleme nicht löst, sondern nur organisiert und zementiert. Darauf aufbauend diskutieren beide im Gegenzug das mögliche emanzipatorische Potential und die Wirkungskraft von Architektur ‚jenseits' politischer Instrumentalisierung.


Eyal Weizman - David Campbell
Über Verbrechen, die am Zeichentisch begangen werden

Der Dialog zwischen David Campbell, Professor für internationale Politik an der Universität von Newcastle und von Eyal Weizman, israelischer Architekt, dreht sich um Kartographie als politische Praxis und um die Zukunft des territorialen Nationalstaates. Campbell untersuchte und theoretisierte die Teilungspläne von Bosnien Herzegovina und ist Autor zahlreicher Aufsätze über die politische Rolle und die moralischen Implikationen internationaler Diplomatie. In diesem Zusammenhang beschäftigt er sich mit ethnisch begründeter und nationalistischer Identitätspolitik und politischer Kartografie. Weizman ist für seine räumliche Analyse des Israelisch-Palästinensischen Konflikts bekannt. Ihr Gespräch beginnt mit einer Debatte über nationale Identität als einer territorialen Figur und über das Konzept des Grenze als grundlegendem Mythos der Idee der Nationalität. Die Frage, die an diesem Punkt gestellt wird, ist, ob "Teilung" im Falle nationaler und/oder ethnischer Konflikte überhaupt eine nachhaltige Lösung darstellen kann oder ob sie nicht den Kern zukünftiger Konflikte in sich birgt. Kann ein solches Modell überhaupt ohne ernsthafte Verletzung von Bürger- und Menschenrechten durchgeführt werden? Was kann man aus den Geschehnissen in Bosnien-Herzegovina für mögliche Szenarien im Falle Israel-Palästinas ableiten? Lässt sich z.B. die momentan mehrheitlich angestrebte ‚Zwei-Staaten Lösung" ohne ‚ethnische Säuberungen' durchführen? Grundlage dieser Fragen in dem Gespräch ist, das die ihnen zugrunde liegende Vorstellung eines homogenen Staatskörpers (Territorium, Volk, Staat) in Frage gestellt wird. Welche anderen Modelle von Staat und Staatsangehörigkeit lassen sich überhaupt denken? Welche Rolle spielt das internationale politische System? Vor diesem Hintergrund wendet sich das Gespräch der Rolle und Anwendbarkeit internationalen Rechts zu. Eyal Weizman wirft die Frage auf, ob Architekten/Planer und Kartographen juristisch verantwortlich für die Konsequenzen ihrer Tätigkeit gemacht werden könnten, etwa für die Verletzung internationalen Rechts und der Menschenrechte, wie im Fall des Baus von illegalen Siedlungen in der West Bank. Welcher Rechtsinstanz unterliegen solche Tätigkeiten? Auf den hier offenbar werdenden Schwierigkeiten aufbauend diskutieren beide anschliessend das Alternativ-Szenario zur Zwei-Staaten Lösung, die Herausbildung eines gemeinsamen Staatswesens für Israelis und Palästinenser auf demokratischer Grundlage.

Meron Benevenisti / Milan Prodanovic
Der Morgen Danach - Städte nach dem Krieg

Meron Benvenisti ist Autor und Professor für Geographie in Jerusalem. In den späten Siebzigern war er stellvertretender Bürgermeister von Jerusalem. Sein Vater leitete die Kommission, die für die Erstellung einer neuen, hebräischen Landkarte des Territoriums nach der Gründung des Staats Israel verantwortlich war. Benvenisti veröffentlicht heute in der Zeitung Ha'aretz, er konzentriert sich dabei im wesentlichen auf die räumliche Dimension des Konflikts. Milan Prodanovic ist serbischer Stadtplaner, der sich vorwiegend mit der systematischen Zerstörung der Städte und des städtischen Lebens (sog. ‚Urbicide') im Balkan beschäftigt.
Am Anfang der Diskussion stellt Benvenisti sein Projekt "Der Morgen danach" vor, einer Reihe von Artikeln und ein Archiv zu verschiedenen Vorstellungen vom Leben in und um Jerusalem
nach einer möglichen Lösung des Konflikts. In der folgenden Diskussion vergleichen sie verschiedene Fälle von ‚Urbicide' und städtischer Segregation als Mittel der Kriegsführung, die auf die Zerstörung des pluralistischen städtischen Lebens selbst abzielt. Ausgehend von Jerusalem und Städten des Balkan wie etwa Sarajevo besprechen Prodanovic und Benvenisti die verschiedenen Möglichkeiten der Wiederherstellung und Erhohlung dieses ‚Städtischen' nachdem das Territorium Stadt und damit das zivile Leben selbst nicht nur vom Krieg geprägt, sondern selbst zu einer Waffe geworden ist.


Eyal Weizman - Alexandre Kedar
Recht und Raum


In diesem Dialog erörtern Eyal Weizman und der israelische Rechtsanwalt und Professor Alexandre Kedar den rechtlichen Hintergrund des territorialen Konflikts Israel / Palästina. In welcher Weise wird territoriale Politik mit rechtlichen Mitteln ausgeübt, wie sind juristische Prozesse eingebunden in militärische oder quasi-militärische Szenarien? Kedar, ein Experte auf dem Gebiet des Landrechts in Israel/Palästina und seiner vielfältigen historischen Schichtungen, präsentiert zu Beginn eine Reihe von juristischen Begriffen und Konzepten, die heute noch eine wesentliche Rolle im territorialen Konflikt innerhalb Israels und in den besetzten Gebieten spielen. Er stellt heraus, das juristische Mittel durchaus komplementär zu militärischer Gewalt verwandt werden. Aufbauend auf altem ottomanischen Landrecht sowie Kolonialrecht aus der Zeit des britischen Protektorats entwickelte der Staat Israel eine Reihe legaler Mechanismen, die bei der Besiedlung und Landnahme und mittlerweile vollständigen Fragmentierung der besetzen Gebiete werden. Weizman beschreibt auf dieser Grundlage die Tätigkeit israelischer Planer und Architekten im Zusammenspiel mit militärischen und politischen Instanzen und stellt heraus, wie aus juristischem ‚Text' territoriale bzw. architektonische Form wird. Kedar und Weizman besprechen verschiedene entscheidende Gerichtsfälle zu territorialem Recht und Staatsbürgerschaft. Kedar selbst spielte eine entscheidende Rolle in einem berühmten Fall, der einer palästinensischen Familie den Rückkauf ehemaligen Familienbesitzes innerhalb israelischen Staatsgebietes ermöglichte.