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Vorwärts, 06.02.2004

Die Roma von Rom
von Dario Azzellini

Das Wegsperren hat in Italien Tradition: Bis Mittwoch stand im Hauptbahnhof von Rom ein Berliner "Kiosk für nützliches Wissen"

Auf den ersten Blick ist der "Kiosk" der Berliner Kuratoren Hannah Hurtzig und Anselm Franke nur ein Verkaufsstand in der Eingangshalle des Hauptbahnhofs von Rom. Die meisten hetzen, bepackt mit Taschen und Koffern, vorbei. Doch immer wieder bilden sich kleine Grüppchen rund um die aufgestellten Bildschirme. Kopfhörer werden aufgesetzt. Die Menschen lauschen diversen Interviews, die in den vergangenen Wochen von den Berlinern und dem römischen Architektenkollektiv Stalker in 15 Roma-Camps der italienischen Hauptstadt geführt wurden.

Die Gesichter der Zuhörer verändern sich, etwa die einer Gruppe schick angezogener Mädchen, deren Teenagerzeit gerade erst begonnen hat. Gackernd streifen sie zunächst um den Stand. Als sie sich hinsetzen, verschwindet das Lachen bald aus ihren Gesichtern. Schließlich schauen sie anderthalb Stunden lang sämtliche Videointerviews an, stellen Fragen, nehmen Informationsmaterial mit und sind entsetzt von einer Realität, die es nicht geben soll, die in den Medien nicht vorkommt.

In mindestens 13 Camps in Rom und weiteren 30 in der Umgebung leben an die 40 000 Roma. Einen legalen Status haben gerade mal 3 500 von ihnen, die Stadtverwaltung erkennt nochmal ebensoviele an. In den kommunal verwalteten Camps allerdings herrschen die unmenschlichsten Bedingungen. Stromanschlüsse gibt es fast nur in den Containerbehausungen einiger "Vorzeigecamps".

Unter Autobahnbrücken oder auf brachliegenden Industrieflächen versinken die Lager im Schlamm. Die hygienischen Bedingungen sind mehr als bedenklich. Mauern aus Stahl und Beton umgeben und durchziehen die Camps. An den Eingängen kontrollieren Polizeibeamte, wer hinein kommt. Besucher sind nicht zugelassen.

An den Wänden des "Kiosk für nützliches Wissen" sind Berichte der Roma zu lesen. Auf einem Stadtplan sind verschiedene Camps des Stadtgebietes eingezeichnet. Ein Plakat fordert dazu auf, sich bei den Roma auf ausgelegten Unterschriftenlisten zu entschuldigen - ein symbolischer Akt, der unter den am Projekt beteiligten Künstlern nicht unumstritten ist. Aber viele unterschreiben, meist erst, nachdem sie sich lange Zeit die Interviews angehört haben. Gegenüber den Roma, über deren Lebenssituation und institutionalisierte Marginalisierung kaum jemand etwas weiß, überwiegen die Vorurteile. Auch von der offiziellen Geschichtsschreibung werden sie ins Abseits gedrängt. Es habe, heißt es mitunter noch heute, in der Endphase des italienischen Faschismus, ab 1940, in Italien keine Internierungslager für Roma gegeben. Der Bewohner eines Camps jedoch berichtet von seiner vier Jahre langen Internierung in einem Kloster in Süditalien. Ihm wird der Kontakt zu einem Dorfschullehrer vermittelt werden, der über die Internierungen in seinem Dorf Agnone ein kleines Buch veröffentlichte, aber nie auf Überlebende getroffen war.

Es gibt noch viel zu tun, um an Samudaripen, den Massenmord der Nazis an den Roma, zu erinnern. Der Kiosk, entstanden als "mobile Forschungseinheit, Kino und Archiv" im Rahmen des Projektes Ersatzstadt der Berliner Volksbühne, sollte nach dem Willen der Künstler "kurzfristig einen Schwarzmarkt der Erzählung in den kontrollierten Sicherheitszonen unseres öffentlichen Lebens ansiedeln". Diesem Anspruch ist er sicher gerecht geworden.

Nach einigen Tagen wird er wieder abgebaut. Der letzte Tag ist der 28. Januar, Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Am Vormittag finden ganz in der Nähe Diskussionsveranstaltungen zur Deportation der Roma statt. Am Abend richten die Kiosk-Betreiber gemeinsam mit weiteren Gruppen ein Fest im alten Aquarium der Stadt Rom aus, einer Prachtvilla mit einer Halle, die Hunderte Personen faßt. Ein Romatheater tritt auf, es wird Romaessen verkauft und Musik gemacht. Tommaso, ein alter schöner und stolzer Mann, erzählt von der Internierung zu Zeiten des Faschismus. Für einen Abend gehört ein Stück des Stadtzentrums den Roma. Vier Musiker spielen auf der Bühne, ein gutes Dutzend junger Paare tanzt dazu. Sie lachen und freuen sich, denn der Alltag der Roma sieht anders aus.

Zwei Tage vor dem offiziellen Gedenktag räumte die Polizei ein "illegal errichtetes" Roma-Camp im Stadtteil Ostiense. Die Frauen und Kinder wurden von den Männern getrennt und bekamen eine vorübergehende Unterkunft, einige hundert Männer sitzen seitdem auf der Straße und kämpfen jeden Abend aufs neue dafür, im Bahnhof von Ostiense übernachten zu dürfen. Weil derzeit Polarwinde über Italien hinwegfegen, die Rom den ersten Schnee seit Jahrzehnten bescherten, ist dies eine Überlebensfrage. In einem Roma-Camp in der Nähe von Neapel erfriert am Gedenktag ein 19 Tage altes Neugeborenes.

"Wenn sich die Politiker entschuldigen, dann sollen sie aber auch erklären, warum die Roma heute marginalisiert, eingesperrt und abgeschoben werden", meint Alexander Valentino von der Gruppe Stalker.